The Florida Project ★★½

Die Enttäuschungsgefühle von "Shape of Water" sind zurück! Ähm ... Hurra?! (Bei keinem anderen Film seit langer Zeit habe ich so oft auf die Uhr geschielt in der Hoffnung, dass es vorbei gehen möge.)

Jedes, selbst die ganz negativen, Review hier auf letterboxd hat zumindestens ein paar warme Worte für Willem Dafoe übrig. Warum? Weil es die Wahrheit ist. Dafoe bietet eine wunderbare Performance zwischen Humanismus, Realismus und Frustration; die Sequenz, in der er einen mutmaßlichen Pädophilen von den Kindern wegeskortiert und schließlich auf Konfrontation geht, ist das Beste, was der Film in seinen zwei knapp zwei Stunden Laufzeit auf die Beine stellt. Nun gut, auch die Begegnung zwischen ihm und drei Kranichen ist ebenfalls gelungen.

Ansonsten ist "The Florida Project" eine größtenteils nur anstrengende (aber nicht herausfordernde) Aneinanderreihung von Alltagsszenen von armen (weißen) Menschen in Amerika, die vor den Toren der megalomanischen Scheinwelt von Disney World leben, deren uramerikanische Verheißungen von Konsum und konsequenzloser Unterhaltung für sie so weit weg zu sein scheinen wie der Mond.

Immer wieder stolpert man in Beschreibungen zu Film über Worte wie "magisch" und Äquivalente, als hätte das Leben in der Nähe des Themenparks, egal, unter welchen Umständen es geführt wird, per se etwas von der angeblichen Magie des "House of Mouse" abbekommen. Unter dieser Prämisse ertränkt Sean Baker seinen Film dann auch in einem Brei aus Armutskitsch. Alles schon nicht so schlimm, was soll's, man kommt über die Runden. Und egal, wie asozial sich die Mutter der kleinen Protagonistin Moonee verhält, es ist schon gut so.

Derartig manipuliert soll man am Ende das Auftauchen des Jugendamtes (wo der Film urplötzlich für einige Momente zu sich zu kommen scheint) denn auch als schweren Eingriff in die eigentlich doch irgendwie funktionierende Kleinfamilie sehen. Der US-Topos, dass sich der Staat und seine Ämter gefälligst aus idealerweise allem heraushalten sollen, was auch nur den Anschein des Eingriffs in die Privatspähre erwecken könnte, wird hier ebenso bestärkt wie es das Ende tut, in dem Moonee und ihre Freundin endlich, womöglich nur für ein paar Momente, Disney World erreichen.

Freiheit ist in diesem Kontext der Aufenthalt in einem Freizeitpark, die allumfassende Scheinwelt eines sich selbst kannabalisierenden Mega-Konzerns ist der Ort der Verheißung. Das kann man nun als leise Kritik lesen, aber die schwurbelige Inszenierung Bakers lässt eher den Schluss zu, dass er es schon so meint, wie es im ersten Moment wirkt. Im "Land der unbegrenzten Möglichekeiten" sind Kindeswohlgefährdung, Vernachlässigung und all die anderen Zumutungen schon okay, denn am Ende geht es ja nach Disney World. Grundgütiger!

Wie gesagt, man kann dies alles auch von der anderen Warte aus sehen. Dann hat Baker einen Film inszeniert, der die soziale Ungleichheit der USA anprangert und die Abspeisung mit billigen Träumen aus zweiter Hand entlarvt. Dieser Sichtweise jedoch steht die konstante "Eigentlich ist doch alles nicht so schlimm"-Perspektive im Weg. Nur weil Moonees Mutter ihre Tochter nicht schlägt oder dergleichen, der offensichtliche Teil einer Fehlbehandlung also fehlt, soll man alles andere entschuldigen. Tja, so sind sie, die armen "white trash"-Leute, was will man machen? Dabei hilft es auch nichts, dass die Charaktere außer oberflächlichen Stereotypen nichts zu bieten haben. Es wird geschrien und gezetert, Gedanken scheint sich außer Dafoe aber niemand zu machen.

Wenn es um abbildenden Realismus gegangen wäre, hätte es ein Dokumentarfilm getan. Oder Ken Loach hätte den Film inszenieren müssen. Als Spielfilm aber ist "The Florida Project" Wohlfühlkino der unangenehmen Sorte, pastellig-kitschig und nur in wenigen Momenten so bitter-süß, wie er es wohl gerne durchgehend wäre. Oberflächlicher, im schlechtesten Sinne amerikanischer Sozialvoyeurismus, dem es in keinster Weise um irgendeine Auseinandersetzung mit seinem Sujet geht.